Kirstin Breitenfellner liest Dörte Lyssewskis Exit Pan

Derzeit sind Verlage gerne bereit, Bücher von Schauspielerinnen und Schauspielern zu publizieren, bringen diese doch schon von vornherein eine größere Bekanntheit mit. Aber kann, wer fremde Texte gut sprechen kann, auch schreiben? Das ist beileibe nicht immer der Fall, außer es handelt sich um Vielfachbegabungen, so wie bei Dörte Lyssewski.
Cover © Klever Verlag
Geboren 1966 in einer Kleinstadt in Niedersachsen, begann ihre Karriere nach ihrer Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg gleich im Theaterhimmel: bei dem legendären Regisseur Peter Stein an der Schaubühne in Berlin. Schauspielhaus Zürich und Schauspielhaus Bochum, Berliner Ensemble, Salzburger Festspiele und Wiener Festwochen heißen weitere Stationen.
Seit der Saison 2009/10 firmiert die hochdekorierte Schauspielerin als Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters und lebt in Wien, seit 2021 führt sie auch selbst Regie bei Opern und Schauspielen. Daneben arbeitet sie als Hörspiel- und Synchronsprecherin (etwa für Cate Blanchett) sowie bei Film und Fernsehen, u. a. in Soku Donau oder dem Tatort.
Widersprüchlichkeit und Schrecken
2015 debütierte sie mit dem Erzählband Der Vulkan oder Die Heilige Irene (erschienen bei Matthes & Seitz), nun erschien ihr erstes Buch mit Gedichten mit dem Titel Exit Pan. Er beginnt mit einem Zitat aus dem Weltraumtagebuch des Astronauten und Fliegers Reinhard Furrer, das Lyssewskis Schreiben gut verortet. Es geht um das Gefühl der Unwirklichkeit, der Vertauschung von unten und oben, vorne und hinten, den Verlust des Halts und das Gefühl, gleichzeitig mittendrin zu sein.
Das erste der fünf Kapitel des Bands heißt „Délibáb“, was auf Ungarisch Fata Morgana bedeutet. Und gleich das erste Gedicht findet einen eigenen Ton und illustriert durch die Aufrufung des Instruments Theremin die Vereinigung der Gegensätze Distanz und Affizierbarkeit. Das 1920 entwickelte elektronische Musikinstrument ist nämlich das einzige, das berührungslos gespielt wird und dabei direkt Töne erzeugt.
„bin ich ein theremin ich luftdirigat berühre töne klagen hymnen entstehen ohne mich mit mir heißen mich nachts begreifen den schrecken des todes verlieren der tag eignet sich nur an eignet sich nicht zum aufbruch (…)“
Das titellose Gedicht endet mit der Zeile „dramaturg träumender und lesender zugleich“. Die meisten anderen Gedichte tragen Titel, die im Gegensatz zu den kleingeschriebenen Gedichttexten in Groß- und Kleinschreibung gesetzt sind. Manche der Gedichte gehen über mehr als eine Seite, etwa ein Schlüsseltext des Bandes, der unter dem Titel „Der Tag, der den Dingen ihre Namen gab“ von einem Schulausflug zu einer Ausgrabungsstätte erzählt und vermutlich autobiografisch gelesen werden darf. Ausgelöst durch die starke Sonne ergreift das Kind, aus dessen Perspektive erzählt wird, ein Schwindel.
„(…) es steigt aus seiner kleinen vergangenheit das sonnlicht stößt es durch die zeit nichts ist wie vordem (…)“
Auf der Rückreise sitzt es abseits von den anderen, zu Hause bekommt es Fieber, das die Gedanken und Träume verdichtet. „seitdem wohnt ein schwindel fluch inne / jeglichem geschehen“. Der letzte Abschnitt des mehrteiligen Textes lautet:
„jetzt war es nicht mehr gefeit vor nichts die maske der dinge gefallen flüchtig ewig flüchtig es findet sich wieder im erdalt hineingestürzt beim anblick des steins das kind verblasst zum negativ der kälteabriss bemächtigt sich seines lebens lässt es zu sich kommen indem es sich abhanden geht“
Es darf vermutet werden, dass dieser Moment auch den Ursprung des Künstlertums des Kindes und der zukünftigen Schauspielerin und Autorin markiert. Dass das Kind und später die Frau seitdem auf den Grund der Dinge sehen und ihre Widersprüchlichkeit und ihren Schrecken wahrnehmen. Zu Lyssewskis bevorzugten Stilmitteln gehört denn auch das Oxymoron.
Mythologisches und Momentaufnahmen
Lyssewski gelingen nicht nur immer wieder Momentaufnahmen von großer Dichte, sie bettet ihre Lyrik auch ein in die Geschichte, von der privaten über die politische bis zur Kulturgeschichte. Ophelia, König Lear oder der Einfall der Barbaren nach Rom werden angesprochen, das KZ-Außenlager Guntramsdorf / Wiener Neudorf, der „Moloch“ Wien.
Sparsam, aber wirkungsvoll ruft Lyssewski mythologische Gestalten auf, wie etwa die Nymphe Thisbe oder der titelgebende Gott Pan, ein Zwitterwesen aus Mensch und Tier, Gott des Waldes und der Natur, der den „Exit“ gemacht, also die Welt verlassen zu haben scheint. In der Natur, die Lyssewski oft so beherzt anruft, ist er aber trotzdem noch zu spüren.
Als das lyrische Ich in einem der längeren Gedichte vor starkem Regen Unterschlupf sucht, erlebt es eine „Epiphanie“ – so der Titel des Gedichts. Ausgelöst wird sie durch den Händedruck einer Frau, der noch die Feuchtigkeit und Wärme eines Kinderkopfs trägt. Er löst eine tiefe Auseinandersetzung mit der Trauer über die eigene Kinderlosigkeit aus, die kosmische Dimensionen annimmt.
„(…) feuchtwarm vom ruhen auf dem kinderschädel milchig süßes riechst du hitze durchflutet dich deine augen tränen in die knie gehst du von der schande deines unterlassens du kehrtest deinen rücken immer wieder fingst nicht ein das kind gabst keine milch (…) die hand lag schützend nicht auf warmem kinderhaar du rissest es den frauen aus und zündetest es an wer nährte dich es schüttelt dich (…)“
Und natürlich handeln die Gedichte auch vom Vergehen der Zeit. Etwa in dem Gedicht „Katapult“, dessen zweite Hälfte wie folgt lautet:
„(…) leben im schlepptau in verzug wochen jahre verfehlter momente vergehen in zeit an zeit ihre geschmeidigkeit überdehnt gebläht und gerissen im versuch ein sich ereignen herbeizuleben handreichung über den abgrund zur gegenwärtigkeit die alles birgt milde angst gewalt trost nicht mehr es wächst das verderben es gedeiht der verlust ruhiges schreiten säen mit leeren händen“
In den Verszeilen „vergehen in zeit an zeit“ oder „säen mit leeren händen“ zeigt sich Lyssewskis Lust an der Mehrdeutigkeit. Vergeht das Ich im Laufe der Zeit wegen der körperlichen Vergänglichkeit? Oder weil es Zeit überhaupt gibt? Natürlich beides. Auch das Paradox hat es der Autorin angetan. Mit leeren Händen kann man nichts pflanzen – oder vielleicht doch? Bei Lyssewski ist es zumindest denkbar. Das lyrische Ich nennt sich selbst Golem, Medusa, Buddha und Krake (im Gedicht „Genesis“) und spielt auf andere Kunstwerke an: „(Leise) flehen meine Lider“ heißt ein Gedicht, dessen Titel an den Film „Leise flehen meine Lieder“ anklingt.
Das verlorene Paradies und die eigene Stimme
Im vorletzten, etwas düsteren Teil des Bandes unter der titelgebenden Kapitelüberschrift „Exit Pan“ steht das Gedicht „Paradise lost“, das an John Miltons episches Gedicht von 1667 gemahnt. Auch hier geht es um einen Sündenfall, symbolisiert von einem Flugzeug, das den Himmel ritzt. Doch die Sehnsucht nach Verwurzelung in der Natur bleibt.
„(…) einfach stehenbleiben wurzeln schlagen alles wäre gut glieder triebe wüchsen dir du würdest pflanze blüte nur mit gewalt geläng es dich auszureißen man müsste dich umtanzen noch einmal von liebe sprechen (…)“
Aber Erlösung gibt es nicht mehr. So endet das Gedicht mit einer Wendung, die das Unvereinbare – die Ruhe, die Schwere und den Sturm – zusammendenkt und dazu das Verb „orkanen“ erfindet. Eine ästhetische Idee, die sich, mit Kant gesprochen, nie zu Ende denken lässt und deswegen immer reizvoll bleibt.
„(…) du schaust den garten wie nach langer schwerer krankheit beschämt von sehnsucht vergrab dein gesicht in dir schließe die augen orkane in bleischwerer ruhe“
Lyssewski besitzt eine erstaunliche Fähigkeit, sich Eindrücke, Wissen, Lektüren anzuverwandeln und in eine eigene Sprache zu übersetzen. Ein weiteres, autobiografisch wirkendes Gedicht mit dem Titel „Imago“ endet mit den Zeilen „wir schauen uns zu / und verlieren uns“. Daraus lässt sich gut und gerne auch eine Poetik der Autorin ableiten. In ihren Gedichten aus Exit Pan transportiert Lyssewski das Erstaunen über die Ambivalenzen des Lebens und den Schmerz über die Vergänglichkeit ebenso wie deren Akzeptanz. Man könnte es auch so ausdrücken: Lyssewski hat sich ihrem ersten Gedichtband im Verlieren gefunden und gleich einen festen Platz in der zeitgenössischen Lyrik erobert. Auf ihre Stimme wird man in Zukunft nicht verzichten können.
Dörte Lyssewski: Exit Pan. Klever, Wien, 2026. 104 Seiten, Euro 22,–