Petra Ganglbauer liest Barbara Pumhösels Wortnester

Es gibt unterschiedliche Zugänge zu Naturphänomenen, von der eher trockenen Studie bis hin zum metaphorisch aufgeladenen Gedicht. Barbara Pumhösels Wortnester befassen sich im engeren Sinn mit Vögeln, von der Küstenseeschwalbe bis zum Turmfalken, aber auch mit der geflügelten Vielfalt an sich und in diesem Zusammenhang mit der Fragilität der Natur.
Cover © edition keiper
Zwischen den einzelnen Texten finden sich Zitate anderer AutorInnen wie zum Beispiel von Christine Busta, Hannes Vyoral oder Adrienne Rich, Heinrich Heine und Lou Reed – alle mit Bezügen zu Vögeln. Der Band ist in vier Kapitel gegliedert.
Flugfähigkeit
Eine stete Beweglichkeit ist den Gedichten zu eigen, ein Luftzug, ein Flügelschlag in vielen der Texte. Diese zarte Wendigkeit wird zum einen durch die bewusst gesetzten Wortbilder erzeugt, zum anderen durch den unaufdringlichen und von überbordender Gewichtigkeit befreiten Stil. Beides fördert den lebendigen, anschaulichen lyrischen Austausch mit dem Beobachteten.
(…) zwischen
Goldhafer und Blaugras
nützt ein Braun- (oder
ist es doch ein Rot)kehlchen
eine Kerbelkrautdolde
als Sitzwarte
wiegt sich, wippt, ich
bewege mich nicht, nur
meine Augen bereiten
sich vor (…)
und plötzlich ist es weg
folgt einem anderen
Flügelwesen
Die zuvor genannte Beweglichkeit wird aber auch durch einen bewusst gewählten Kunstgriff verstärkt. Einige der Gedichte beginnen mitten in einer Schau- oder Denkbewegung, mitten im Satz also, eine Technik, die den Fluss der lyrischen Sprache noch unterstützt.
nur wenn ich sie am Zwitschern
erkenne, zeige ich mich
und versuche – gebrochen zwar –
eine einfache Antwort
in derselben
Sprache
Sensible Nachempfindung
Bezeichnenderweise sind die Titel der Gedichte jeweils dem Text nachgestellt und fett gedruckt. Sie muten nicht nur wie essenzielle Schlusszeilen der jeweiligen Texte an, sondern auch wie Ergänzungen oder Verdeutlichungen des zuvor Geschriebenen. Einige von ihnen kommen Redewendungen gleich („von Luft und Liebe leben“). Sie sind gleichsam Eintrittspforten in den vorangestellten Text. Einige der Titel jedoch sind kursiv und parenthetisch angelegt, diese „verstehen sich“ – so dem Nachwort von Helwig Brunner zu entnehmen – „als optional“.
Äußerst detailliert zeigen sich die in diesem Band versammelten achtsamen Beobachtungen, bei denen die lyrische Instanz stets auch emotional mitschwingt – im Rhythmus der Natur und des Jahreskreises, der Hitze, der Kälte, des Regens oder Schnees. Und über all dem liegt, ohne dass sich die Sprache groß inszenieren muss, Empathie. Aber es ist auch Liebe, jene zu „…Federn und Zeichnungen / aus Zehenabdrücken“, so beispielsweise in dem Gedicht „Im Schnee“.
Es ist überdies die Sorge um den Bestand, um Lebensräume, um die Überlebensfähigkeit (in dem Gedicht „auf einer Roten Liste“); es ist das Nachempfinden der Zugunruhe, mehr noch, es ist ein Einfühlen in das Wesen Vogel an sich, wenngleich in Zeilen wie den folgenden auch der Bezug zum Menschsein gegeben ist, wie in dem Gedicht „zum Aufwärmen“:
(…) ich plustere mich auf einmal noch und ungesehen hole tief Luft speichere sie (…)
Ein zweites Beispiel aus dem Gedicht „Diagnosen“ lautet: „Early Bird, sagst du. Früherkennung.“
Aber auch von eingesperrten, erlegten (in „Ölzweig im Schnabel“) oder konservierten Vögeln ist die Rede, etwa wenn die Autorin eine Beziehung zur Mythologie herstellt, zum altägyptischen Vogelgott in „Eine geschlossene V-Formation“.
Jede Hilfe zählt. Auch die
der Toth-Statuen mit Ibiskopf.
Der Ibis ist vom Aussterben bedroht (…)
Eingebundenheit in belastende Szenarien
In diesen Texten, die sich gegen Ende des Buchs mehren, sickert eine graduelle Schwere ein, ganz konkrete, nachvollziehbare und bedrückende Themen beginnen sich zu manifestieren. Diese Gedichte sprechen die Übernutzung von Landschaft an, das Aussterben bestimmter Arten, die Vergänglichkeit schlechthin. Der Reigen schließt sich: Vom Eingangsmotto des Bandes „Das ü in Glück und Flügel“, das einem Zitat des Autors Hannes Vyoral folgt, bis hin zum Kriegsgeschehen an sich, in das Tier und Pflanzen gleichermaßen eingebunden sind:
(…) der freie Wille der Zielobjekte kann nichts verhindern Bäume Bienen Gras und Vögel Kriegsopfer beten für Kriegsopfer
So heißt es in „(Luftpsalm)“ und es ist das letzte Gedicht dieses ansprechenden Lyrikbandes.
Barbara Pumhösel: Wortnester. Gedichte. keiper lyrik: 35. Hrsg.: Helwig Brunner. edition keiper, 2006. 91 Seiten. Euro 16,50