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10 Gedichte zum Welttag der Poesie

10 Gedichte zum Welttag der Poesie

Als wir vor einer Woche unsere Poetinnen und Poeten zum Welttag der Poesie am 21. März zur Einsendung von nagelneuen, unveröffentlichten und KI-freien Gedichten über unsere Social Media-Kanäle und Newsletter aufriefen, hatten wir nicht mit dem Eingang von so vielen Gedichten gerechnet. Das ist wunderbar und zeigt, wie „trendy“ Lyrik aktuell ist. Da wir aufgrund der großen Textmengen nicht in der Lage sind, alle Gedichte auf unserer Webseite zu veröffentlichen, posten wir mit freundlicher Genehmigung der Autor*innen eine Auswahl von 10 Gedichten. Die Reihenfolge der Gedichte spiegelt keine Wertung wider, sondern ist rein zufällig gewählt. Alle Dichterinnen und Dichter, die wir heute nicht berücksichtigen konnten, bitten wir darum, noch ein wenig Geduld zu haben. Wir werden bestimmt in absehbarer Zeit wieder um eure Einsendungen bitten.

Jane Wels

Wir begegnen uns
in diesem Raum
aus Lassen.
Du: ein Quant Welle,
Ich : Licht ohne Masse.
Wir atmen uns.
Von hier aus gesehen,
zeitverrückt,
impulsive Teilchen.

Karin Seidner

Christl Greller

poesie der niederlage

lass uns darüber hinweglieben
auf moos, in knarrenden betten
mit fingern wie junge triebe.
das leise glockenspiel, verzerrt
in der ferne verklingend.
deine stimme nimmt mich in den arm:
ein flügelleichter start –
hinaus ins ungefähre.
ich spreche leise, suche
keine antwort, nur die fragen.
der himmel seifenblasenfarben
in der stille des nichts.

Lucia Mennel

Freiheitsmonolog

ohne mit der wimper
plötzlich nackt
zuckt
stolz und frech
frisch aus dem bett
das lachen
wie geschossene pfeile
das personal erstarrt
im blicken lange
haare wallen dunkel 
über weiße brüste
auf den hüften
provozieren
jung und adrett
gespreizte finger 
entsetzt hetzt herbei
die not mit dem hammer 
ohne mit der wimper 
weiter fort
zuckt 
der monolog 
in die freiheit

Rudolf Kraus

Wolke

von unten
schaut der abgrund
gar nicht tief aus
sprach aus dem wassertropfen
die wolke
die sie einmal war

Elisabeth Wandeler-Deck

ungemilbt umbildert
ein bild ein lid fein gesilbt
gegliedert listig in lange
listen aufgeführt in listen

Patrick Sabbagh

TROPISCHE GERÜCHTE

Wir schrammen gegen Grate
im klammen Schein gezimmerter
Schreine worin die Gräten
eingeschworner Kimmerer

kommod modern. Schon betrei-
ben wir der Moderne Demontage
und sind dennoch nicht bereit
für den Schongang. Der Montage

Versprechen verhallen zu schnell
gegen die Verbrechen von morgen.
Muss ich die Hutschnur enger schnall-
en vor zu verhehlnden Morden?

Noch zehrn wir vom vorletzten Wunder
der mit Vorsatz verletzten Götter
doch deren verätzte Wunden
lehren die Spötter letztlich Mores.

Cornelia Becker

ich stopfe die Löcher der Zeit
mit grobem Garn aus Gras und Stroh
wachse ich in mich hinein
will nicht mehr über mich hinaus
verstecke mich in meinen Körperkerben
wenn ich schwächer werde
tue ich so als ob …
gieße Wachs in meine Hautlappen
vernähe die Fäden in meinem Gesicht
ziehe mein struppiges Fell hinter die Ohren
ich nähe und nähe
nähre mich vom Warten
und meide die Nähe

ich verbessere den Hohlsaum an den
Rändern meiner Aufmerksamkeit
vergesse das Lachen und
meine Brille im Haar
webe das Jahrhundert in
meinen grauen Zopf der
immer weiterwachsen will
Binsenweisheiten im Gehirn
Scherben und angeschlagene Tassen
vergilbten Atlanten entnehme ich
gepresste Worte und Orte
Motten fressen Löcher in meinen Verstand

Alexa erinnert sich an meine Lieder
wirft mir Melodien und Stimmen zu
noch fange ich sie auf
wiege mich in meinen Armen
schließe die Augen bis ich

schlafen kann

Martin Winter

DU HOL DIE KUNST

du hol die kunst
ich brüh sie auf
und geb ein bisschen milch dazu
ist sie kakao
ist sie kaffee
ein bisschen wohl
von allem halt
und manchmal licht

Chun Sue

WILDE BLÜTEN

Ich bring meinen Bub in die Schule
und diese wilde Blütenstaude
springt in meine Sicht.
Rote Zwetschkenknospen,
voll aufgeblüht,
grünes Blatt, gelber Stempel irrsinnig schön.
Diese Staude hat es nicht leicht,
auf einem kleinen unbeachteten Fleck
an einem Parkplatz.
Dürres Laub und Müll, den die Leute hinwerfen.
Sie war von einem Eisenzaun abgedrückt,
bis auf den Boden.
Ich wollte ihr helfen und habs nicht geschafft.
Heute schaut sie
ganz anders aus!
Sie hat sich aufgerichtet,
der Zaun ist nicht mehr zu sehen.
Sie ist erschütternd schön.
Ich muss sie fotografieren.
Ich sag mir: Egal in welcher Situation,
wir wollen nur blühen.


春树
送馅饼上学
这株野梅花
一下子跳进了我的视线
红色的梅花
正在盛放红花
绿叶黄蕊漂亮极了
它的生长环境极其糟糕
那是停车场旁边
无人注目的一小块空地
落满枯叶和路人扔的垃圾
它曾被铁栅栏压倒
匍匐在地
我想帮它却不得其法
今年看到它
完全不一样了
它已经直起了身子
铁栅栏也不见了
它美得让人精神一振
我忍不住给它拍了一张照片
告诉自己:不管什么环境
我们只管开花

春树
送馅饼上学
这株野梅花
一下子跳进了我的视线
红色的梅花
正在盛放红花
绿叶黄蕊漂亮极了
它的生长环境极其糟糕
那是停车场旁边
无人注目的一小块空地
落满枯叶和路人扔的垃圾
它曾被铁栅栏压倒
匍匐在地
我想帮它却不得其法
今年看到它
完全不一样了
它已经直起了身子
铁栅栏也不见了
它美得让人精神一振
我忍不住给它拍了一张照片
告诉自己:不管什么环境
我们只管开花

Aus dem Chinesischen übertragen von Martin Winter

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